04.01.2022

Porträt einer Jugend

Wie fühlt es sich an, in der heutigen Zeit erwachsen zu werden? Die Bildserie „These Kids Today“ porträtiert 50 Jugendliche, ihre Ängste und Träume.

 

Wie erleben Teenager die Jetztzeit? Jugendliche wurden in den letzten Monaten oft vernachlässigt. Man schützte die Schwachen – die Alten und Kranken – und vergaß die, die allein im Kinderzimmer saßen, ohne eigene Lobby, ohne eigene Stimme im Parlament. Es ging soweit, dass die Jugend zum Sündenbock wurde, für alles was schief lief: Man warf den Teenagern vor, sie würde sich nicht an die Ausgangssperren und Kontaktverbote halten, rücksichtslos handeln und das Virus nicht ernst nehmen. In all diesen Debatten kamen die Gespräche über Doppelbelastungen, über Einsamkeit und eine Jugend, die alles Unbeschwerte, was das Jungsein ausmacht, vertagen muss, zu kurz. Viel zu lange wurde nur über Jugendliche gesprochen, anstatt mit ihnen zu reden – darüber, wie sie mit den seelischen Belastungen der Pandemie umgehen, wie es um ihre mentale Gesundheit steht, was sie bedrückt und was ihnen fehlt.

 

Die Kreativdirektorin Anouk Jans, die Fotografin Tereza Mundilová und die Kreativproduzentin Lilien Emily Krammer wollen das ändern. In ihrer Bild- und Bewegtbild-Serie „These Kids Today“ porträtieren sie 50 Teenager aus Deutschland, befragen sie zu ihren Gefühlen und den Veränderungen, die die letzten Monate mit sich gebracht haben. Die Idee zum Projekt kam zufällig. Anouk und Tereza lernten sich vor ein paar Jahren über Instagram kennen, Lilien kam über die Empfehlung von Bekannten ins Team. Bei einer Fashion-Produktion, in deren Rahmen auch Teenager vor der Kamera standen und zu Wort kamen, wurde Anouk bewusst, dass gerade bei der Jugend aktuell großer Gesprächsbedarf herrscht. „Was als Interviewformat gedacht war, wurde zur regelrechten Therapiestunde“, erinnert sie sich. Studien der letzten Monate, wie ein Gutachten der Bertelsmann-Stiftung, haben gezeigt, dass junge Menschen in der Corona-Zeit mit psychischen Problemen, Vereinsamung und Zukunftsängsten zu kämpfen haben. Dabei hat die Pandemie bereits bestehende soziale Ungleichheit drastisch verstärkt.

 

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Vor diesem Hintergrund machten sich Anouk, Tereza und Lilien auf die Suche nach Teenagern zwischen 12 und 19 Jahren, die ihre Gedanken zum Leben in diesen besonderen Zeiten teilen wollten. Um die Protagonist*innen zu finden, starteten sie über ihre eigenen Social-Media-Kanäle und befreundete Agenturen einen Open Call. „Wir haben niemanden abgelehnt, sondern jedem zugesagt, der sich beworben hat“, erklärt Anouk. „Es war uns sehr wichtig, alle anzunehmen, die bereit waren, mitzumachen.“ Den dreien war dabei bewusst, dass sie mit ihrem Aufruf nur ihre eigene Online-Community ansprechen würden. Algorithmen und die Filterblasen beeinflussen, wer von ihrem Projekt erfuhr und selektierten vor. Doch sie wollten nicht nur Jugendliche aus einer bestimmten Nische, mit einem bestimmten Background erreichen. „Wir möchten so viele Jugendliche zu Wort kommen lassen wie möglich, damit sich die Geschichten auch in ihrer vollen Vielfalt zeigen können“, erklärt Anouk.

 

Von Beginn zeigte sich, dass dieses Projekt anders war als klassische Produktionen. „Am Ende des Tages gehst du nicht einfach nach Hause und startest neu. Hier bleiben wir dran, hören weiter zu. Was die Jugendlichen erzählen, bewegt uns“, sagt Tereza. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihnen die Geschichte von Janik, der in diesem Jahr seinen Abschluss nicht geschafft hat. In seiner Klasse war er damit nicht allein — fast die Hälfte der 23 Schüler entschied sich, abzubrechen. Den Anforderungen des digitalen Unterrichts können noch immer nicht alle gerecht werden: Teilweise sind die Schulen auf die neue Online-Lernwelt nicht gut genug vorbereitet, teilweise wird zu wenig Geld in die Hardware investiert, um Fernunterricht überhaupt erst möglich zu machen. „Bei der Begegnung mit Janik hatten wir alle Gänsehaut“, sagt Anouk. „Wenn man älter ist, denkt man: ‚Halt durch, das ist doch nur noch ein Jahr‘. Aber für diese Kids ist das in dem Moment eine Ewigkeit. Die können sich kaum vorstellen, wie sie die nächsten Monate überstehen.“

 

Um diese starken Gefühle in Bilder zu fassen, feilten die drei gemeinsam lange am Konzept. Anfangs wollten sie sich auf klassische Porträtfotografie konzentrieren, in denen die Augen der Jugendlichen für sich allein sprechen. „Dann wollten wir den Jugendlichen aber auch symbolisch etwas die Hand geben“, erzählt Anouk. So kam es, dass zwei Set-Situationen entstanden sind, in denen sich die Teenager eigenständig verorten können — zum einen eine Box von Set-Designerin Stefanie Grau, die das Gefühl der Isolation und Klaustrophobie der letzten Monate visualisiert, zum anderen eine Studiosituation mit Windmaschine. „Die Box von Stefanie ist keine 1,40 Meter hoch und die Kids sind frei, sich darin zu bewegen“, erzählt Anouk. „Es war interessant zu sehen, wie sie sich darin platziert haben — wie sie mit dieser Enge umgegangen sind.“

 

Auch zur Windmaschine konnten sich die Jugendlichen ohne Vorgaben positionieren. „Die Bedeutung von Luft begleitet uns seit Anbeginn der Pandemie“, sagt Tereza. „Wir wollten die Botschaft ‚We need more air‘ ausdrücken und das Gefühl visualisieren, der Enge entgegenzutreten.“ Bildästhetisch geht es dem Trio um den Wind als Symbol für Freiheit, die man sich im Leben – oft auch gegen Widerstände – erkämpfen muss. In der Praxis sorgte die Anordnung auch für lebendige Improvisation am Set. „Es war faszinierend zu sehen, wie viel Spaß die Jugendlichen haben, wenn der Wind durch ihre Haare weht und wenn sie sich gegen ihn stemmen“, sagt Anouk. Den Jugendlichen ihre freie Ausdrucksweise zu überlassen, war den dreien besonders wichtig. „Wir geben den Jugendlichen die Möglichkeit, mit dem Set zu spielen. Jeder inszeniert sich anders, hat sich auf andere Art wohlgefühlt“, erzählt Anouk.

 

 

 

Unterstützt wird das Team von Lara Fritz aus dem STUDIO CNP in München, die für das Bewegtbild zuständig ist. Bei den Audioaufnahmen sind die Teenager selbst am Zug: „Wir haben ihnen Fragen geschickt, die sie mit Sprachnachrichten beantworten dürfen“, erzählt Anouk. „Alles werden wir nicht verwenden können, aber eine Auswahl wird im Video zu hören sein.“ So wird das Kern-Anliegen des Projekts einmal mehr deutlich: Anouk, Tereza und Lilien wollen Jugendlichen mehr Gehör zu verschaffen. Wichtig ist ihnen, die 50 Protagonist*innen nicht als Gruppe, als Generation Corona, zu zeigen, sondern sich allen individuell zu nähern. „Man kann diese Gruppe nicht über einen Kamm scheren: Jeder ist anders, jeder hat seine eigene Erfahrung gemacht“, sagt Anouk.

 

Die ganze Gruppe als depressiv zu porträtieren, liegt ihnen fern. „Es gab auch sehr positive Statements“, sagt Tereza. „Wir hatten Jugendliche dabei, die tolle Musikprojekte verfolgen, die sich gefunden haben und jetzt eine Ausbildung starten.“ Doch wenn sie die Mehrheit der Protagonist*innen betrachten, sehen die drei ein großes Schmerzgefühl, das bislang zu wenig in den Medien und der Kunst thematisiert wurde. „Was trotzdem alle verbindet, ist, dass sie es geschafft haben, dieses Jahr durchzuhalten, sich durchzuboxen“, meint Tereza.

 

Umso mehr freut sich das Trio, dass immer mehr große und kleine Projekte das Thema aufgreifen und daran anknüpfen. Auch die drei können sich vorstellen, „These Kids Today“ in Zukunft auszubauen: „Wenn wir jetzt ein Jahr Zeit hätten, würde ich am liebsten ganz Deutschland porträtieren. Und dann weitermachen mit anderen Ländern“, sagt Anouk. „Fürs Erste denken wir über einen zweiten Teil nach“, fügt Tereza hinzu. „Wir würden uns wünschen, noch einmal 50 Jugendliche zu treffen, um dabei auch andere Realitäten außerhalb von unserer Instagram-Bubble festzuhalten.“

 

These Kids Today

 

Ein Projekt der BEOS